Im Energieausweis stehen zwei Werte — und sie können sich deutlich unterscheiden: Endenergie ist die Menge, die Sie einkaufen. Primärenergie multipliziert diese mit einem Faktor, der die Energiekette davor abbildet (Erdgas 1,1, Pellets 0,2, Strom 1,8). Wir zeigen die Definitionen entlang der Energiekette, eine Beispielrechnung mit drei Heizungen und welcher Wert für GEG, BEG und Effizienzklasse zählt.
Christin Goldbeck
Der Endenergiebedarf ist die Energie, die das Gebäude vom Versorger bezieht – Strom, Gas, Öl oder Pellets.
Der Primärenergiebedarf ergänzt diesen Wert um die gesamte Vorkette: Förderung, Transport, Umwandlung.
Beide Werte werden über den Primärenergiefaktor f_p miteinander verknüpft (z. B. 1,1 für Gas, 0,2 für Holz, 1,8 für Strom).
Die Effizienzklasse im Energieausweis bezieht sich seit GEG 2020 auf die Endenergie, die GEG-Einhaltung auf die Primärenergie.
Für die BEG-Förderung und Effizienzhausstufen entscheidet allein der Primärenergiebedarf.
Primärenergiebedarf und Endenergiebedarf: Was ist der Unterschied?
Beide Werte beziehen sich auf dasselbe Gebäude, betrachten aber unterschiedliche Stationen der Energiekette. Vom natürlichen Vorkommen bis zur warmen Wohnung durchläuft Energie drei Stufen: Primärenergie, Endenergie und Nutzenergie. Wer die Reihenfolge versteht, versteht auch die Werte im Energieausweis.
Wichtig vorab: Beide Kennwerte erfassen ausschließlich die Energie für Heizung, Warmwasser, Lüftung und Kühlung. Strom für Beleuchtung, Haushaltsgeräte oder Elektromobilität fließt nicht ein. Außerdem geht es um den berechneten Bedarf eines durchschnittlich genutzten Gebäudes – nicht um den tatsächlichen Verbrauch, der vom Nutzerverhalten abhängt.
Primärenergie: Energie in ihrer natürlichen Form – Rohöl im Boden, Erdgas in der Lagerstätte, Sonnenstrahlung, Wind, Holz im Wald.
Endenergie: Energie, die nach Förderung, Raffination, Umwandlung und Transport beim Verbraucher ankommt – Heizöl im Tank, Erdgas in der Leitung, Strom an der Steckdose.
Nutzenergie: Energie, die nach Verlusten in der Heizung als Wärme im Raum ankommt – Heizwärme, Warmwasser, Licht.
Der Endenergiebedarf erfasst also genau das, was Ihr Energieversorger Ihnen in Rechnung stellt. Der Primärenergiebedarf liegt eine Stufe davor und bezieht alle Verluste der Vorkette mit ein. Bei Heizöl etwa: Förderung im Bohrloch, Tankertransport, Raffinerie, LKW-Lieferung zu Ihnen. Diese Vorkettenenergie wird im Primärenergiefaktor f_p abgebildet, der je Energieträger gesetzlich festgelegt ist.
Warum reicht der Endenergiebedarf nicht?
Der Endenergiebedarf zeigt, wie viel Energie Sie kaufen müssen – das ist für die laufenden Kosten relevant. Er sagt aber nichts darüber aus, wie umweltfreundlich diese Energie erzeugt wurde. Eine einfache Probe macht das deutlich: Zwei baugleiche Häuser mit identischem Endenergiebedarf können einen völlig unterschiedlichen Primärenergiebedarf haben – allein durch die Wahl der Heizung. Eine Kilowattstunde Strom aus Braunkohle verursacht ein Vielfaches der CO₂-Emissionen einer Kilowattstunde aus Wasserkraft. Beim Endenergiebedarf macht das keinen Unterschied. Der Primärenergiebedarf schließt diese Lücke und macht Energieträger klimatisch vergleichbar.
Primärenergiebedarf berechnen: Die Formel und die Faktoren
Die Berechnung ist einfach. Der Jahres-Primärenergiebedarf ergibt sich aus dem Endenergiebedarf multipliziert mit dem Primärenergiefaktor des verwendeten Energieträgers. Beide Werte werden in Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr angegeben. Die Formel ist in § 20 GEG gesetzlich verankert:
Der Primärenergiefaktor f_p ist ein dimensionsloser Multiplikator, der für jeden Energieträger einzeln festgelegt ist. Maßgeblich ist die Tabelle in Anlage 4 des Gebäudeenergiegesetzes (GEG). Wichtig: Berücksichtigt wird ausschließlich der nicht erneuerbare Anteil – die im Holz gespeicherte Sonnenenergie zählt also nicht als Aufwand.
| Energieträger | Primärenergiefaktor f_p | Was steckt dahinter |
|---|---|---|
| Heizöl | 1,1 | Förderung, Raffinerie, Tankertransport, LKW |
| Erdgas / Flüssiggas | 1,1 | Förderung, Transport, Verdichtung im Leitungsnetz |
| Steinkohle | 1,1 | Abbau, Aufbereitung, Transport |
| Braunkohle | 1,2 | Tagebau, Trocknung, Brikettierung |
| Biomasse (Holz, Pellets) | 0,2 | nur Ernte, Trocknung, Transport, Pressung |
| Strom (Netzbezug) | 1,8 | Kraftwerksverluste, Übertragung, Verteilung |
| Solarthermie, Erdwärme, Umgebungswärme | 0,0 | vor Ort erzeugt, keine Vorkette |
| Photovoltaik (vor Ort genutzt) | 0,0 | vor Ort erzeugt, keine Vorkette |
| Fernwärme (je nach Netz) | 0,0 – 1,3 | abhängig vom Erzeugermix, mindestens 0,3 |
Warum ist der Faktor bei Holz so niedrig?
Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, der Energie aus Sonnenlicht in chemische Bindung speichert. Diese Sonnenenergie zählt nicht als Aufwand, weil sie ohnehin zur Verfügung steht und nach Verbrennung über das Nachwachsen neuer Bäume wieder gebunden wird. Übrig bleiben nur die fossilen Anteile: der Diesel der Erntemaschinen, der LKW-Transport, der Strom für die Trocknung und die Pressung zu Pellets. Diese kleinen Beiträge ergeben den niedrigen Faktor von 0,2.
Warum hat Strom den höchsten Faktor?
Strom durchläuft die längste Umwandlungskette. In konventionellen Kraftwerken werden Kohle, Gas oder Uran zunächst verbrannt oder gespalten, um Wasser zu verdampfen. Der Dampf treibt Turbinen an, die Generatoren bewegen. Dabei gehen schon im Kraftwerk rund 50 Prozent der Energie als Abwärme verloren. Hinzu kommen Übertragungs- und Verteilverluste im Netz. Der Faktor 1,8 ist der bundesweite Durchschnittswert für den deutschen Strommix nach GEG. Mit steigendem Anteil erneuerbarer Energien wird er in den kommenden Jahren sinken.
Beispielrechnung: Drei Heizungen im direkten Vergleich
Die Wirkung des Primärenergiefaktors lässt sich an einem konkreten Beispiel sofort sehen. Wir betrachten ein typisches Einfamilienhaus mit 150 Quadratmetern Wohnfläche und einem Endenergiebedarf von 100 kWh/(m²·a) – ein realistischer Wert für ein sanierungsbedürftiges Haus aus den 1980er-Jahren. Drei Heizungsvarianten im Vergleich ergeben sehr unterschiedliche Primärenergiewerte.
| Variante | Q_e (Endenergie) | f_p | Q_p (Primärenergie) |
|---|---|---|---|
| Gas-Brennwertheizung | 100 kWh/(m²·a) | 1,1 | 110 kWh/(m²·a) |
| Pelletheizung | 100 kWh/(m²·a) | 0,2 | 20 kWh/(m²·a) |
| Wärmepumpe (JAZ 3,5) | 29 kWh/(m²·a) Strom | 1,8 | 52 kWh/(m²·a) |
Das Ergebnis überrascht: Die Pelletheizung schneidet beim Primärenergiebedarf am besten ab – trotz gleichem Endenergiebedarf wie die Gasheizung. Der Grund ist der niedrige Holz-Faktor von 0,2. Die Wärmepumpe liegt im Mittelfeld. Sie braucht zwar nur 29 kWh/(m²·a) Strom für die Wärmebereitstellung (Endenergie ÷ JAZ), aber der hohe Strom-Faktor von 1,8 schiebt den Primärenergiewert nach oben. Erst mit eigener Photovoltaik sinkt der Wert deutlich – PV-Strom hat den Faktor 0,0.
Heißt das, eine Pelletheizung ist immer besser als eine Wärmepumpe?
Nein – die Rechnung sagt nur etwas über den Primärenergiebedarf nach GEG aus, nicht über die Wirtschaftlichkeit oder die tatsächlichen Emissionen. Eine Wärmepumpe ist langfristig oft attraktiver, weil der Strom-Faktor mit dem Ausbau erneuerbarer Energien sinkt, weil sich PV-Anlagen ergänzen lassen und weil keine Holzbevorratung nötig ist. Außerdem unterstützt die BEG-Heizungsförderung für die Wärmepumpe mit bis zu 70 Prozent Zuschuss – die Auswahl hängt von Gebäude, Aufstellungsbedingungen und persönlicher Präferenz ab.
Wie hoch ist der Endenergiebedarf einer Wärmepumpe wirklich?
Hier liegt eine häufige Fehlquelle. Der Endenergiebedarf bezieht sich auf den eingekauften Strom – nicht auf die abgegebene Wärme. Bei einer Jahresarbeitszahl (JAZ) von 3,5 liefert eine Wärmepumpe aus 1 kWh Strom 3,5 kWh Heizwärme. Bei einem Wärmebedarf von 100 kWh/(m²·a) braucht sie deshalb nur 100 ÷ 3,5 ≈ 29 kWh/(m²·a) Strom. Diese 29 kWh sind die Endenergie, die dann mit dem Strom-Faktor 1,8 multipliziert wird.
Beide Werte im Energieausweis: Was Eigentümer:innen lesen können
Im Energieausweis stehen beide Kennwerte nebeneinander – in der Einheit kWh/(m²·a). Wer sie richtig liest, kann viel über das Haus ableiten. Wichtig ist die Unterscheidung, welcher Wert für welche Frage steht.
Endenergiebedarf: Hinweis auf laufende Heizkosten. Je niedriger, desto weniger Energie kauft das Gebäude ein.
Primärenergiebedarf: Klimaeinordnung und GEG-Einhaltung. Maßstab dafür, wie umweltverträglich die Energieversorgung ist.
Energieeffizienzklasse: Bezieht sich nach § 86 GEG Anlage 10 ausschließlich auf den Endenergiebedarf und wird auf der Farbskala A+ bis H dargestellt.
Ein Beispiel: Ein gut gedämmtes Haus mit alter Ölheizung kann beim Endenergiebedarf grün leuchten – die Effizienzklasse zeigt einen niedrigen Verbrauch. Beim Primärenergiebedarf liegt es trotzdem hoch, weil der Ölfaktor 1,1 ist und keine erneuerbaren Anteile gegenrechnen. Ein etwas weniger gedämmtes Haus mit Wärmepumpe und PV-Anlage kann beim Endenergiebedarf schlechter aussehen, beim Primärenergiebedarf aber deutlich besser dastehen. Wer eine Sanierung plant, sollte deshalb beide Werte gemeinsam betrachten – Details liefert ein bedarfsorientierter Energiebedarfsausweis.
Bedarfs- oder Verbrauchsausweis – wo ist der Unterschied?
Beim Bedarfsausweis berechnet die Energieberatung den theoretischen Energiebedarf des Gebäudes auf Basis von Bauteil-, Heizungs- und Dämmdaten. Beim Verbrauchsausweis werden tatsächliche Heizkostenabrechnungen der letzten drei Jahre ausgewertet. Beide Ausweise weisen Endenergie und Primärenergie aus, sind aber nicht direkt vergleichbar. Der Bedarfsausweis ist aussagekräftiger für Sanierungsplanung, der Verbrauchsausweis bildet das reale Nutzerverhalten ab. Wer eine umfassende Sanierung mit Fördermitteln der energetischen Sanierung plant, sollte den Bedarfsausweis wählen.
Welcher Wert zählt für GEG, Förderung und Effizienzhausstufen?
Für die rechtlichen und förderpolitischen Anforderungen ist fast immer der Primärenergiebedarf maßgeblich – nicht der Endenergiebedarf. Das ist eine zentrale Konsequenz aus dem Gebäudeenergiegesetz (GEG), die viele Eigentümer:innen überrascht.
| Anforderung | Maßgeblicher Wert | Hintergrund |
|---|---|---|
| GEG-Mindestanforderung Neubau | Primärenergiebedarf | Maximal 55 % eines Referenzgebäudes (Effizienzhaus 55) |
| GEG-Mindestanforderung Sanierung | Primärenergiebedarf | Höchstens 1,4-facher Wert des Referenzgebäudes |
| BEG-Effizienzhaus-Stufen (40, 55, 70, 85) | Primärenergiebedarf | Stufenname = Prozentwert des Referenzgebäudes |
| iSFP-Sanierungsschritte | Primärenergiebedarf | Zielwerte werden in Primärenergie definiert |
| Energieeffizienzklasse auf Skala | Endenergiebedarf | Nach § 86 GEG Anlage 10, maßgeblich für die Farbeinstufung |
Praktische Konsequenz: Wer eine Sanierung zum Effizienzhaus plant, optimiert auf den Primärenergiebedarf. Eine Wärmepumpe mit PV-Anlage erreicht hier oft schneller das Ziel als eine Pelletheizung – weil PV-Strom mit Faktor 0,0 in die Bilanz eingeht und die Anforderung an die Gebäudehülle entlastet. Welche Maßnahmen am sinnvollsten sind, klärt eine fundierte Energieberatung mit Sanierungsfahrplan. Eine Übersicht der BEG-Einzelmaßnahmen und Förderhebel hilft bei der wirtschaftlichen Bewertung.
Ändert sich die Berechnung mit dem Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG)?
Stand Juni 2026: Der Kabinettsentwurf des Gebäudemodernisierungsgesetzes vom 13. Mai 2026 behält die Logik aus Primärenergie- und Endenergiebedarf bei. Die Anforderungswerte und das Verhältnis zum Referenzgebäude werden voraussichtlich angepasst, die pauschale 65-Prozent-Pflicht für erneuerbare Energien entfällt. Ein Inkrafttreten ist für November 2026 vorgesehen. Die Primärenergiefaktoren der Anlage 4 GEG gelten bis dahin unverändert weiter.
Was sich 2026 ändert: Die EU-Gebäuderichtlinie und die neue A-bis-G-Skala
Mit der überarbeiteten EU-Gebäuderichtlinie (EPBD, Richtlinie (EU) 2024/1275) ändert sich die Skala der Energieeffizienzklassen. Statt der deutschen Skala A+ bis H gilt EU-weit künftig eine einheitliche Skala von A bis G – analog zu Haushaltsgeräten. Die Berechnung von Primärenergiebedarf und Endenergiebedarf bleibt davon unberührt, nur die Einstufung auf der Farbskala ändert sich.
| Aspekt | Bisher (GEG) | Neu (EPBD) |
|---|---|---|
| Skala | A+ bis H | A bis G |
| Klasse A / A+ | A+ = unter 30 kWh/(m²·a) | A = ausschließlich Nullemissionsgebäude |
| Schlechteste Klasse | H = über 250 kWh/(m²·a) | G = schlechteste 15 % des nationalen Bestands |
| Bewertungsgrundlage | Endenergiebedarf | Endenergiebedarf (Logik bleibt) |
| Pflicht für Denkmäler | ausgenommen | auch bei Vermietung und Verkauf |
Deutschland hat die EPBD-Umsetzungsfrist 29. Mai 2026 verpasst. Die nationale Umsetzung erfolgt über das Gebäudemodernisierungsgesetz, dessen Inkrafttreten für November 2026 geplant ist. Bis dahin bleibt die deutsche Skala A+ bis H in Kraft. Bestehende Energieausweise behalten ihre zehnjährige Gültigkeit, sind also nicht zwingend neu auszustellen.
Bedeutet die neue Skala, dass mein Haus schlechter eingestuft wird?
Für viele Gebäude ja. Die A-bis-G-Skala ist strenger geschnitten: Klasse A wird ausschließlich Nullemissionsgebäuden vorbehalten, Klasse G den schlechtesten 15 Prozent. Häuser, die heute als E oder F eingestuft sind, können in der neuen Skala in die untersten Klassen rutschen. Das hat keine direkte Sanierungspflicht zur Folge – wirkt sich aber auf Immobilienwert und Vermietbarkeit aus. Wer ohnehin saniert, sollte die Wirkung auf die neue Skala mitdenken.
Fazit
Der Unterschied zwischen Primärenergiebedarf und Endenergiebedarf erschließt sich entlang der Energiekette: Endenergie ist, was Sie einkaufen, Primärenergie rechnet die Vorkette mit ein. Der Primärenergiefaktor verbindet beide Werte – über die einfache Formel Qp = Qe × f_p. Für die Wirtschaftlichkeit zählt der Endenergiebedarf, für GEG-Einhaltung und Förderung der Primärenergiebedarf. Wer eine Sanierung plant, sollte beide Werte aus dem Energieausweis kennen und die Wirkung von Heizungswechsel, Dämmung und Photovoltaik gemeinsam betrachten. Als nächsten Schritt empfehlen wir einen bedarfsorientierten Energieausweis und eine fundierte Energieberatung – beides liefert die Grundlage für jede sinnvolle Sanierungsentscheidung.